Newsmeldung

16.06.2010
oliver hartmann
autor: 
kin.dewiederholungen - Sensation: Bielefelder Autohändler (55) klettert 9+
albtraum
Richard Dorosz im unteren Teil von Alptraum (Foto: W. Szczygielski)

Sonntagabend gegen 20.39. Es läuft die 6 Minute des Weltmeisterschaftsspiels Deutschland-Australien. Leicht fröstelnd stehe ich unter dem gewaltigen Bauch von Alptraum (9+) und Perpendikelweg (9/9+) an den Ultradächern. Die weißlich-strahlende Felsoberfläche spricht von nahezu perfekten Bedingungen.

Gedankenverloren lasse ich das Seil durch die Hände gleiten und gebe immer gleich zwei Meter aus, sobald Richard einen Bühler klinkt. Sein 5 Versuch heute - nicht zu Erwarten, dass er nochmals die Konzentration aufbringt, einen erfolgreichen Versuch zu setzen. Ich blicke kurz hoch und sehe, wie er locker den pumpigen Rissteil der Route abspult – 9- etwa bis zum Schüttelpunkt. Schon zieht er ins Dach, greift die großen runden Löcher und klippt den letzten Haken.

Ein Move zurück und Richard schüttelt nochmal beide Arme an den schlechten Löchern aus – ein taktischer Fehler, denke ich mal wieder und blicke gelangweilt auf den staubigen Waldboden. Wie oft schon die gleiche Prozedur?

Plötzlich merke ich auf. Irgendetwas ist anders als sonst. Müller nimmt einen unmöglich erscheinenden Ball von Ösil an und legt ihn blind durch die Abwehr der Australier zurück auf Podolski. Der hämmert ihn aus 12m wuchtig unter die linke Latte des australischen Tores. 126 km/h der Ball. 1:0 für Deutschland. Unten aus Erzhausen steigt hundertfaches Grölen der Fußballfans in den Junihimmel empor. Im gleichen Augenblick schnappt Richard von der abschüssigen Dachkantendulle mit rechts weiter zum guten, aber weit entfernten und schwer zu sortierenden Zweifingerloch. Wie immer wird er gleich 3 Meter tiefer im Seil baumeln: wie etwa dreißig, fünfzig oder sogar hundert Mal zuvor. Mit traumwandlerischer Sicherheit erreicht er diesmal das Loch. Ohne das geringste Zeichen von Anstrengung blockiert Richard das Zweifingerloch und zieht links weiter in den Henkel. Zack - schwebt er förmlich die letzten beiden Meter bis zum Umlenker empor – eine biestige 7+-Passage – die eigentlich noch mal alles abverlangt, bedenkt man die bis dahin gekletterte, athletische und sicher 5 Meter überhängende 9+.

Ein schwer definierbares Glücksgefühl durchströmt mich wegen der Einzigartigkeit dieses Augenblicks. Es klingt kitschig - aber ich ahne etwas von dem, was schwer Klettern zu etwas ganz Besonderem macht. Heimlich verdrücke ich eine Freudenträne: Stellvertretend für Richard, denn der faselt oben am Umlenker etwas von "Ich freue mich ja gar nicht" und "Hab das Gefühl, ich könnt es noch drei Mal klettern" – Was man halt nach ner geglückten Begehung so von sich gibt :-). Respekt Richard: Alptraum ist Geschichte!
PS Unbestätigten Berichten zufolge wurde Richard Dorosz aus B. bereits in seinem neuen Langzeitprojekt - einer löchrigen, dachartigen Zehnminus weiter links - gesehen…
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