Newsmeldung

17.02.2016
ralf kowalski
autor: 
kin.deig/dav - neue Struktur mit Axel
axel
Axel Hake

Vor ca. einem halben Jahr gab es innerhalb des Norddeutschen Landesverbandes (DAV – Referat Naturschutz) eine kleine, besser große, Überraschung. Die Finanzierung zur Bereitstellung einer halben Stelle wurde auf der letztjährigen Hauptversammlung beschlossen. Das Rennen um den Job hat Axel Hake gemacht – oder umgekehrt? Das ist aber auch egal, der Posten ist mit ihm optimal besetzt.

Ein Grund ihm ein paar Fragen zu stellen.

Hi Axel – eine kurze Vorstellung Deinerseits?

Hi Ralf, in aller kürze: ich komme aus Braunschweig, bin 47 Jahre alt und habe Anfang der 80er Jahre als Kind mit Bergsteigen und Klettern angefangen – mit einem Eiskurs der Sektion Braunschweig des DAV und in der Jugendgruppe, die vielen älteren als Angstgegner beim Schlachterball auf dem Ith sicher noch im Gedächtnis ist. Mein Herz schlägt für das Bergsteigen von Skitouren bis Alpinklettern – das Natur-Gesamterlebnis mit Biwak und Sternenhimmel. Als ehemaliger Schüler an Richard Goedekes Schule, der seit Jahrzehnten für den Ausgleich von Klettern und Naturschutz kämpft, ist mir der Erhalt unserer Felsen über die Jahre ein wichtiges Anliegen geworden. Zuerst habe ich bei Erstbegehungen im Harz selbst davon profitiert. Damals dachte ich, der Fels wäre eine komplett rechtsfreie Spielwiese. Später haben wir uns bei Felsfreistellungen in Zusammenarbeit mit der Forst die Spielwiese sogar selbst gebaut. Stefan Bernert hat mich 2005 ins Klemmkeil-Team geholt, seitdem machen wir das Heft zusammen und dokumentieren die freudigen und weniger freudigen Seiten der norddeutschen Kletterwelt. Beruflich arbeite ich nach Architekturstudium und Coachingausbildung freiberuflich als Trainer und Coach in der Personalentwicklung – durch meine feste Stelle beim DAV inzwischen nebenberuflich.

Wie schätzt Du die Wichtigkeit einer solchen Stelle ein?

2010 war ein einschneidendes Jahr - der Selter ging uns verloren, der Tiefpunkt der norddeutschen Kletterpolitik, entstanden durch Uneinigkeit unter den Kletterern. Und Jo Fischer legte nach langer erfolgreicher, aber auch aufreibender Arbeit den IG-Vorsitz nieder, den ich dann übernahm.
Seit dem Supergau Selter-Verlust war klar, man kann eine fundierte Arbeit nicht mehr nur mit ehrenamtlichem Engagement machen. Um auf Augenhöhe mit Behörden und Naturschutz zu sein, brauchen wir mehr Ressourcen, sonst verlieren wir Schritt für Schritt unsere heimischen Klettergebiete. 2015 konnte der DAV eine halbe hauptamtliche Stelle für das Referat Klettern und Naturschutz einrichten, wozu ein kompletter Umbau der Verbandsstrukturen notwendig war. Barbara Ernst ist an dieser Stelle sehr wichtig, sie hat als Landesverbandschefin die notwendigen Voraussetzungen geschaffen.
Mein Leitgedanken in der Arbeit für Klettern und Naturschutz ist: Erreiche Konsens unter den Kletterern über Ziele und Möglichkeiten bei den aktuell ablaufenden Prozessen, binde möglichst viele mit ein und sieh, das auch Behörden, Naturschützer und Grundeigentümer berechtigte Interessen haben, die mit unseren auszugleichen sind. Die Felsen sind sensible Biotope, es ist gut, das sie geschützt werden. Nicht gut ist, wenn die Menschen dabei komplett aus der Natur heraus geschützt werden. Ich meine, als Natursportler sind wir auch verantwortlich für die Zukunft des Planeten als Ganzes. Jeder von uns hat Einflussmöglichkeiten, vom privatem Konsum über Freizeitverhalten bis hin zum politischem Engagement. Zusammen sind wir viele!

Wo siehst Du derzeit die dringlichsten Baustellen?

Erfreulicherweise hat Niedersachsen Klettern als Bestandteil des Betretensrechts, das nicht von der Erlaubnis der Grundeigentümer abhängt, gerade erneut bestätigt – und das zu einem Zeitpunkt, wo mit dem Göttinger Wald, den Felsen im Südharz, den Bodensteiner Klippen und dem Kanstein wichtige norddeutsche Klettergebiete unter Natur- oder Landschaftsschutz gestellt werden. Hier liegt der wichtigste Arbeitsschwerpunkt.
Ein weiterer ist die tiefere Verankerung von Klettern und Naturschutz im Landesverband und im Vereinsleben der Sektionen, z.B. über Multiplikatorenschulung der Jugend-, Gruppen- und Fachübungsleiter. Für den DAV hat das Thema Klettern und Umweltbildung ein enormes Zukunftspotenzial. Wir haben beim Jugendpfingsttreffen 2015 mit dem Jugend-Wegebau ein Pilotprojekt gestartet, das nun ausgebaut wird. Die Gebietsbetreuung soll verstärkt von den Sektionen übernommen werden. In lokalen Arbeitskreisen für Klettern und Naturschutz werden IG Klettern, DAV und weitere Interessierte von anderen Verbänden und Institutionen zusammenarbeiten. Der DAV wird sich verstärkt in Dachverbänden von Sport und Naturschutz engagieren, wir loten zum Beispiel gerade aus, ob der Landesverband sich wie in Bayern als Naturschutzverband anerkennen lassen kann – unsere Gebietsbetreuung und Umweltbildung sind schließlich gelebter Naturschutz. Als Zielpunkt könnte eine Biologiestation am Ith ähnlich einem Nationalparkzentrum die einvernehmliche Koexistenz von Klettern, Naturschutz und Forstinteressen in einem Naturschutzgebiet zeigen.
Als weiteren Arbeitsschwerpunkt würde ich die Kommunikation nach innen und außen nennen. Dieses Interview ist ein Betrag dazu, ein überarbeiteter Internetauftritt des Landesverbandes und ein Engagement in sozialen Medien wären weitere.

Ein halbes Jahr ist rum – kannst ein kleines Fazit ziehen?

Wie eben beschrieben gibt es eine Vielzahl von Themen, Ideen, und Projekten. Es wird nicht alles sofort gehen, das ist klar. Aber der Zielhorizont ist formuliert. Erfreulicherweise haben wir derzeit eine günstige Ausgangslage, was die Mitarbeit bei der Verordnungsgebung in den Klettergebieten angeht. Sicher werden wir einige Verluste hinzunehmen haben, aber wir haben auch einige Chancen, bereits gesperrte Gebiete wieder für das Klettern frei zu bekommen. Eins kann ich jetzt schon sagen – es wird nicht langweilig.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der IG? Entstand dort ein Vakuum – wie ist die Arbeit nun dort verteilt? Im Vorfeld hatte ich einen Profilverlust der IG befürchtet, wenn der DAV sich verstärkt engagiert. Glücklicherweise ist das nicht so. Die IG ist ein gut organisierter Zusammenschluss von Idealisten und Aktivisten, das flexible Schnellboot für Klettern und Naturschutz. Wir haben die Vereinsarbeit auf die klettertrainierten starken Schultern von Angie Faust, Daniel Dammeier, Meik Wick und vielen anderen verteilt und freuen uns auf weitere Interessenten. Dort entsteht keine Lücke. Im Vergleich dazu ist der DAV-Landesverband Nord mit über 40.000 Mitgliedern ein Supertanker – behäbig, aber wenn der erst mal auf Kurs ist, schwer zu stoppen. Die Zusammenarbeit zwischen den Vereinen war in den letzten Jahren reibungslos, was sicher an den handelnden Personen liegt, und das soll so bleiben. Ich sehe da keine Gegensätze: Der DAV kann von der Flexibiltät und der Struktur der IG profitieren, die IG von den Ressourcen und dem politischen Gewicht des DAV.

Für mich sieht es schon länger danach aus, dass uns immer mehr Felsen unterm Ar*** weggesperrt werden. Das soll Deine Bemühungen und die vieler anderer nicht schmälern! Was sind Deine Perspektiven, siehst Du Licht am Horizont?

Gegenfrage: Was wäre alles gesperrt worden, wenn wir uns nicht engagiert hätten? Ich fasse gerne Themen an, die Erfolg versprechen – bei den anstehenden Verhandlungen ist das so, auch wenn viel Arbeit vor uns liegt. Wir sind nach schmerzlichen Erfahrungen rechtlich und fachlich-inhaltlich derzeit in einer günstigen Position. Wie gesagt, die Chancen stehen nicht schlecht, nach jahrelangen Verlusten wieder Gebiete frei zu bekommen.

Die Meldung auf der IG-Seite vom 26.12.2016 (ig-klettern-niedersachsen.de) ist für mich die Nachricht des Jahrhunderts betreffend der Klettermöglichkeiten im Selter und stellt die Verhandlungen um gesperrte Gebiete auf eine neue Grundlage. Ist die Freude auf mittelfristige Klettererlaubnis am Schinken und Keule berechtigt?

Das FFH-Gebiet "Laubwälder und Klippenbereiche im Selter, Hils und Greener Wald" wird als NSG unter Schutz gestellt und das bestehende NSG Selterklippen soll darin aufgehen. In der ursprünglichen Verordnung gab es eine Kletterregelung, diese wollen wir für das neue Schutzgebiet reaktivieren. Mit dem Vegetationsgutachten von 2008 haben wir zudem eine tragfähige naturschutzfachliche Datengrundlage für die anstehenden Verhandlungen. Ich sage es mit aller Vorsicht - ja.

Was würdest Du Dir wünschen?

Wir sitzen mit dem Lieblingsgetränk unserer Wahl unter dem wieder zum Kletterleben erweckten Räucherschinken und schauen zurück: Weißt Du noch Anfang 2016, als wir dieses Interview gemacht haben? Jetzt können wir hier wieder klettern, und in den Bodensteinern, im Reinhäuser Wald, im Mittleren Ith, Südharz, Okertal, Kanstein und Hohenstein. Die Leute halten sich an die vereinbarten Regeln und arbeiten aktiv für den Naturschutz mit. Der DAV ist Naturschutzverband und hergefahren sind wir mit dem Elektroauto. Dann sagen wir: Mensch, die ganze Arbeit hat sich doch echt gelohnt!

Danke + weiterhin viel Erfolg bei Deiner Arbeit!
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